Magische Momente zwischen Bewegtem und Unbewegtem

Ein Porträt des LichtBildGestalters Ludger F. J. Schneider
von sara reichelt

Ebenso wenig wie man einen wärmenden Sonnenstrahl aus dem Urlaub nachhause schmuggeln könnte, läßt sich das Werk von Ludger F. J. Schneider in eine bestimmte Schublade stecken. Es entzieht sich einer griffigen Beschreibung passend zum Thema, mit dem sich der zurückhaltende und freundliche 48-Jährige auseinandersetzt: das Festhalten des Flüchtigen und Fließenden in Raum und Zeit.

 

Entdeckung des Lichts

„Ich bin ein LichtBildGestalter“ antwortet der in Brühl bei Köln lebende Schneider leise lächelnd auf die Frage nach seiner Selbstdefinition als Künstler. Dieser Begriff beinhaltet die Bereiche Photographie, Licht und Gestaltung, in denen er seit 25 Jahren tätig ist. Als er im Vorschulalter zum ersten Mal eine Photokamera in die Hand gedrückt bekommen hatte, erstaunten die abgelichteten Erwachsenen über das Ergebnis. So erzählte man es ihm später. Er selbst erinnert sich an Opernbesuche mit seinen Eltern. Sein Vater, ein passionierter nebenberuflicher Sänger und seine ebenso musisch veranlagte Mutter nahmen ihn häufig mit. „Ich war fasziniert von der Funktion des Lichts, um auf der Bühne verschiedene Stimmungen zu erzeugen. Und überhaupt vom Geschehen auf der Bühne, vom Hineingehen in einen anderen Raum“, sagt Schneider mit leuchtenden Augen.

 

Entwicklung zum Tanzphotographen

Die Rolle der Bewegung innerhalb der Kunst erlebte Schneider, als er 1974 mit seiner Großmutter in einer Ausstellung des Düsseldorfers Günter Weseler war. „Es waren Brote und Wände, die atmeten und mich nicht mehr los ließen.“ Er ist noch heute dankbar für die Eindrücke von Bühne und Konzeptkunst, die er als Kind bekommen durfte. Mit seinen ersten eigenen Photoarbeiten begann er noch als Schüler und entdeckte als junger Erwachsener die verschiedenen Formen des freien Tanzes: „Für den Jugendlichen musste es noch Judo sein. Danach habe ich mich ganz dem Tanz verschrieben.“ Trotz eines Brotberufs, der ihn bis 2000 mehr oder weniger befriedigend begleitete, war er durchgängig kulturschaffend tätig. „Anstatt Photographie oder gar Tanz zu studieren, holte ich mir immer das Wissen, das ich gerade brauchte und entwickelte es auf meine individuelle Weise weiter.“ Durch seinen ersten Bewegungslehrer hat Schneider damals Kontakt zur Tanzgruppe Maja Lex bekommen, die ihn beauftragte, ihre Aufführungen zu dokumentieren. 1991 wurden diese Arbeiten im Rahmen des Festivals „Deutsche Tanzszene Ost West“ im Pariser Centre Georges  Pompidou ausgestellt. In dieser Zeit begann sich Schneider intensiv mit der Frage der Darstellung von Bewegung durch Photographie zu beschäftigen. Das Festhalten eines Bewegungsablaufs  u.a. mit Hilfe der Langzeitbelichtungs Technik ergab die Möglichkeit, Zeit und Raum auf ein Bild zu bannen. Damit experimentierte er und es entstand die Serie „ZeitRaum“, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk zieht.


 

Eroberung eines Raums in eineinhalb Minuten

Der seit 1989 als Bühnen- und Tanzphotograph sowie als Performer, Lichtgestalter und Filmer tätige Schneider hat sich bis heute weder auf ein Thema noch auf ein Genre festgelegt. Sein neuer experimenteller Kurzfilm „Interlopers“ wurde im Oktober 2013 im Rahmen des internationalen Tanzfilmfestivals Pool 13 in Berlin im Dock 11 gezeigt. Es geht um das Erobern eines Raums mit den Mitteln der Bewegung. Ein Mann und eine Frau durchkämmen einen Fabrikraum, wobei die Schwerkraft aufgehoben scheint. Durch das Drehen der Kamera verändert sich die Ausrichtung der Personen im Raum. Die Tänzerin, die horizontal auf den Armen des Tänzers liegt, wird durch den 90 Grad Schwenk der Kamera zur aufrecht gehenden Person, der senkrecht im Raum verortete Tänzer zu einer im Liegen den Raum durchschreitenden Person. Die Verdrehung der gewohnten Perspektive bringt den Betrachter dazu, die Zeit zu vergessen. Der eineinhalb Minuten lange Kurzfilm wirkt wie ein einziger Moment, der jedoch viele Minuten nachhallt.


 

Zufällige Berührungen in Schwerelosigkeit

Eine weitere Koproduktion mit den selben Performern (Anna Dimpfl und Florian Scholz) hat den Titel „Zeit = Gleich = Zeit“. Sie wurde im November diesen Jahres im Rahmen der Museumsnacht Köln präsentiert. Die Bewegung im Raum und das Aufheben der Schwerkraft ist eine thematische Fortführung von „Interlopers“. Die beiden Tanzenden hängen durch einen Klettergurt gesichert am selben Seil. Dadurch beeinflussen sie sich gegenseitig. Schwerelos wie Astronauten schweben ihre beiden Körper versetzt nebeneinander, wobei sich zufällige Berührungen ergeben. Im Raum hängen zudem drei Monitore. Auf ihnen zeigt Schneider Wasser in Bewegung und vorbeiziehende Wolken in unterschiedlichen Stimmungen. Auf allen drei Monitoren laufen  nahezu identische Filme, in denen allerdings die Geschwindigkeit und die Bildausschnitte von Schneider bewusst variiert wurden.


 

Neuer Blick auf Vertrautes

Als nächstes Projekt plant Schneider die unterschiedlichen optischen Qualitäten von verschiedenen gefilmten und photographierten Gewässern zu zeigen. Auch dabei geht es wieder um Bewegung und um einen neuen Blick auf Vertrautes. „Man sieht es ständig und nimmt es nicht wahr, weil man einen Fluss immer im Kontext der Umgebung anschaut und eher selten auf das reflektierende Licht und die Bewegung des Wassers achtet.“ Das große Ziel seiner Kunst ist die Anregung zu einer anderen Perspektive. „Der Betrachter wird dazu eingeladen, die gewohnte Sichtweise zu verlassen“, sagt Schneider und gießt Kräutertee ein. Die beiden Tassen stehen auf einer runden Tischplatte, die an drei Stahlseilen aufgehängt ist. Bei jedem Aufsetzen der Tasse entstehen Schwingungen. Der Tisch beginnt zu tanzen.

 

Berlin, 6. Januar 2014

 

Text als formatiertes PDF mit Bildern

 

Weiter Informationene zu Ludger F. J. Schneider unter:

www.ludgerschneider.de