Kuschelpartys: Nähe genießen ohne Konsequenzen

Auf Kuschelpartys treffen sich Erwachsene mit Lust auf körperliche Nähe. Sie finden in einem geschützten Rahmen mit klaren Regeln statt. Für Mustafa Toplu ist es das erste Mal.  

 

Auf dem glänzenden Parkettboden des 120 qm großen Raumes schlängeln sich munter Lichterketten. Ocker- und türkisfarbige Kissen sind wie bunte Blüten auf dem Boden verstreut. In einer Ecke bilden 20 nebeneinander platzierte Matratzen eine bequeme Spielwiese. Ein japanischer Paravent trennt vom Raum eine Ecke ab, in der Decken liegen. Dorthin darf man sich zurückziehen, wenn man eine Kuschelauszeit braucht.

Der 52-jährige Sozialpädagoge Mustafa Toplu * trägt einen grauen Jogging-anzug und ein knallblaues Sweat-Shirt. Seit der Trennung von seiner Frau und seinem Umzug von Hannover nach Berlin fühlt er sich oft einsam und vermisst Körperkontakt. Vor einer neuen engen Bindung hat er im Moment noch Angst. Ein Kollege hat ihn dazu inspiriert, auf eine Kuschelparty zu gehen. Gemeinsam mit 29 anderen Männern und Frauen zwischen 21 und 64 Jahren sitzt er auf dem Boden. Der Abend beginnt mit einer Anfangsrunde. Rosemarie Doebner, eine 48-jährige Biologin, die sich Kuscheltrainerin nennt und mehrmals pro Monat Wohlfühlkuschelabende veranstaltet, lächelt in die Runde. Sie hat eine Stoffmaus mitgebracht, die von Teilnehmer zu Teilnehmer wandert. Jeder soll seinen Vornamen nennen und kurz sagen, warum er Berührung mag. „Ich heiße Mustafa und bin frisch geschieden. Im Moment möchte ich keine feste Partnerschaft“, sagt Toplu mit leiser Stimme. „Dennoch will ich Frauen spüren, ohne falsche Erwartungen zu wecken. Das ist für mich als Muslim sonst schwierig.“ Er legt die graue, weiche Maus sanft vor die vollschlanke, weißhaarige Frau an seiner rechten Seite. „Ich bin Ruth und genieße Körperkontakt in diesem geschützten Rahmen sehr. Das Wichtigste sind für mich die eigenen Grenzen und das Neinsagen. Das kann ich hier üben“, meint sie und schlingt die Arme fest um ihre hochgezogenen Knie. „Mir macht Berührung einfach nur Spaß! Ich bin Adriana“, sagt eine sehr schlanke Frau, die ein tief ausgeschnittenes rotes T-Shirt und eine weiße, weite Leinenhose anhat. Nach einer knappen Stunde ist die Maus wieder bei Doebner angekommen und sie erklärt die Regeln.

 

* Namen auf Wunsch des Interviewten geändert

 

Der dreistündige Kuschelwohlfühlabend kostet 17 Euro und spielt sich im Osho MAUZ in  der Hasenheide 9 ab. Er ist einer von vielen, die aktuell in über 27 deutschen Städten stattfinden und das inzwischen sogar in kleineren Orten, wie zum Beispiel Strausberg. Im Jahr 2004 riefen die Beziehungs-beraterin Marcia Bacynski und der Sexualtherapeut Reid Mihalko in New York die erste „Cuddle Party“ ins Leben. Sie wollten damit Paaren helfen, ihre langweilig gewordenen Langzeitbeziehungen wiederzubeleben. Inzwischen besuchen sowohl Menschen in festen Partnerschaften als auch Singles solche Partys. Kuscheltrainer, die eine spezielle Fortbildung absolviert haben, begleiten die jeweilige Veranstaltung. Interessierte finden die Termine, Orte und Informa-tionen darüber, wie die Partys ablaufen, auf Flyern oder auf den beiden Websites www.die-kuschelparty.de und www.alle-kuschelpartys.de.

„Für mich ist es eine wunderschöne Aufgabe, fremde Menschen miteinander in Berührung zu bringen“, meint Doebner. „Sie wollen neue Erfahrungen mit sich und anderen machen.“ Während des Abends fällt aus ihrem Mund viele Male das Wort „Grenzen“. Die Kuschler sollen sowohl ihre eigenen Grenzen als auch die der anderen spüren und respektieren. Einen großen Wert legen die Partyleiter auf die Unterscheidung zwischen Berührung und Sexualität. Umarmen, Streicheln und Halten sind erlaubt, Küssen und Berührungen an den Brüsten oder gar im Genitalbereich sind tabu.

Nach der Anfangsrunde steht Mustafa Toplu auf und schließt die Augen. 16 Männer und 14 Frauen tasten sich aneinander vorbei, zueinander hin oder voneinander weg. Es bilden sich bewegte Knäuel aus Händen, Armen, Beinen, Schultern und Köpfen. Nach zwanzig Minuten erklingt die beruhi-gende Stimme von Rosemarie Doebner: „Bleibt bei euch. Ich gebe euch noch einen Moment zum Nachspüren. Macht nun langsam eure Augen auf, um anzukommen. Betrachtet die Menschen in eurer Nähe. Wenn ihr wollt, geht aufeinander zu und nehmt euch in den Arm.“ Stimmen und Lachen klingen durch den Raum. Einige kennen sich von früheren Partys. Manche umarmen sich fest. Toplu legt strahlend den Arm um die Frau, die neben ihm steht.

Abgesehen von Berührungen zwischen Eltern und Kindern und zwischen Liebenden ist es in unserer Gesellschaft schwierig, Körperkontakt zu bekommen. Gerade zwischen Männern und Frauen führt der Wunsch nach körperlicher Nähe oft zu Missverständnissen. Anstatt Zärtlichkeiten zu genießen, entstehen Hintergedanken oder gar tatsächliche sexuelle Wünsche. „Auf meinen Kuschelpartys möchte ich einen Wohlfühlraum schaffen, in dem sich Menschen ihre tiefe Sehnsucht nach Nähe, Berührung und Geborgenheit erfüllen können“, betont Doebner auf der Kuschelparty-Website. Allerdings gibt es auch Übungen, die unangenehme Empfindungen auslösen könnten. Wenn jemand mit verbundenen Augen auf einer Matratze liegt und vier fremde Händepaare ihn streicheln, tauchen bei manchen Teilnehmern bisweilen alte Ängste auf. Deshalb betont Doebner immer wieder, wie wichtig das Neinsagen ist. Laut Doebner sind die Auswirkungen jedoch zu fast 100 Prozent positiv. Die Biologin betont, dass sich körperliche Berührung sowohl positiv auf das Immunsystem als auf auch auf die seelische Belastbarkeit auswirken. Bei Berührung produziert der Körper das Hormon Oxytocin, das Stress abbaut und das allgemeine Wohlbefinden erhöht.

Am Ende des Abends gibt es einen Feedback-Kreis. Fast alle Teilnehmer haben gelöste Gesichter. Toplu hält Händchen mit den beiden Frauen, die rechts und links neben ihm sitzen. Doebner bittet die Kuschler, das aktuelle Befinden mit einem einzigen Wort zu beschreiben. „Berührt“, sagt Toplu und löst damit ein liebevolles Gelächter aus. Die meisten fühlen sich glücklich, ganz im Hier und Jetzt und entspannter als zu Beginn der Party. Die Frau mit dem roten T-Shirt, die sich Adriana nennt, bietet an, das Kuscheln in ihrer Wohnung fortzusetzen, was bei einigen auf reges Interesse stößt. Die Abschiedsumarmungen ziehen sich über eine halbe Stunde hin. Toplu geht direkt nach Hause. Er denkt darüber nach, ob er bei der nächsten Party wieder dabei sein möchte.

 

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