Wenn Leistungsträger zusammenbrechen

 

 

 

An manchen Tagen schließt Frau T. ihre Boutique erst nach 20 Uhr. Ihre letzte Kundin ist kurz nach Ladenschluss gekommen, und sie hat sie nicht herauswerfen wollen. Mit flauem Magen hetzt Frau T. zu ihrem Wagen und schlingt auf dem Weg ins Fitness-Studio zwei Müsliriegel herunter. Die Mittagpause war ausgefallen. Während der Fahrt überlegt sie, wann die neue Ware am nächsten Tag geliefert wird. In der Umkleidekabine ruft sie ihre Tochter an, um sie ins Bett zu schicken. Als sie sich auf dem Fahrrad abstrampelt, fällt ihr ein, dass sie vergessen hat, sich bei ihrem Steuerberater zu melden. Ihr Laden läuft schlechter, seit in der Nähe ein großes Modekaufhaus eröffnet hat. Als sie um 23 Uhr erschöpft nach Hause kommt, streitet sie mit ihrer Tochter, die ihre Aufforderung nicht befolgt hat. Danach fällt Frau T. ins Bett und liegt vor dem Einschlafen grübelnd noch stundenlang wach. So könnte ein typischer Feierabend einer Person aussehen, die eines Tages erschöpft zusammenbricht.

 

Diagnose Burnout Die meisten Betroffenen finden sich nur schwer damit ab, als Patienten eine psychologische Praxis zu betreten. Sie haben bisher alles geschafft und sind es gewöhnt, ohne fremde Hilfe auszukommen. Einst waren Burnout-Geplagte gesunde Leistungsträger unserer Gesellschaft. Nach monate- oder jahrelanger Überforderung haben sie ihre Belas-tungsgrenze jedoch überschritten bis zu dem Punkt, an dem gar nichts mehr geht.

 

Treffen kann es jeden

Früher waren vor allem Personen in psychosozialen und pädagogischen Berufen, die sich nicht ausreichend von den Problemen ihrer Klienten, Schüler oder Patienten abgrenzen konnten, völlig ausgebrannt. Heute erwischt das Burnout bereits Jugendliche oder Kinder. Zwischen Schulbesuch, Nachhilfe, Musikunterricht, Sport und Verabredungen finden sie kaum Muße, sich absichtslosem Tun hinzugeben.

Besonders riskant ist es für diejenigen, die den ständigen Spagat zwischen Beruf und Familienleben vollziehen und kaum noch Zeit für sich selbst haben. Ein Leben auf Hochtouren kann unter Umständen jahrelang gut gehen. Oft resultiert das Burnout aus mehreren belastenden Ereignissen. Insbesondere entsteht es aus der Doppelbelastung von Berufs- und Privatleben.

 

Rolle der Persönlichkeit

Häufig sind diejenigen Charaktere, die ihr eigenes Selbstwertgefühl eng mit den erbrachten Leistungen verknüpfen, vom Burnout betroffen. Die Erwartungen anderer und die eigenen Leistungen haben einen hohen Stellenwert in ihrem Leben. Viele haben zudem eine starke Neigung zum Perfektionismus und sind unfähig, eigene Grenzen zu akzeptieren. Das Wort „MUSS“ hat für Burnout Kandidaten eine enorme Bedeutung (beispielsweise „Ich MUSS funktionieren“ oder „Ich MUSS ständig erreichbar sein“). Insbesondere die Möglichkeiten der modernen Kommunikationsmittel sind gerade für diejenigen Gift, die sich ohnehin schwer tun,  „nein“ zu sagen. Auch dieser Aspekt trägt dazu bei, dass die Burnout-Diagnosen in den letzten Jahren zunehmen.