Wie mich Stephanie küssen würde, wenn sie mich zum ersten Mal küsste – das trockene Küsschen hätte sie auch einer Freundin geben können; es zählte nicht –, beschäftigte mich nach dem ersten Abend. Da es nur wenige Frauen gab, die nach meinen Wünschen küssten, war die Wahrscheinlichkeit eher gering, dass Stephanies Küsse sich bis in meinen Unterleib ausbreiten würden. Ich stand nicht auf behäbige, behutsame Zungenbegeg-nungen, wo die eine sich kaum in die Mundhöhle der anderen wagt und umgekehrt. Ich mochte noch nie Mohnblumen, sondern ich bevorzugte Schwertlilien, elektrisierende, energische Zungentänze und das Gefühl, von der Zunge meiner Liebsten voll und ganz durch-drungen zu werden. Auch wenn ich keinen großen Wert auf das Eindringen legte, schätzte ich es, wenn mein Mund von der Zunge erobert wurde. Auch war ich noch nie ein Softeisfan und hasste Zuckerwatte.

Warum die meisten Frauen so leidenschaftslos küssen, war mir immer ein Rätsel. Mit Nadine war ich in dieser Hinsicht einer Meinung. Wir lästerten lustvoll über die zarten, zögerlichen Zungenküsse der Vorgängerinnen. Graciela stellte dabei eine Ausnahme dar, aber davon hatte ich Nadine nichts erzählt, denn sie wollte nur dann etwas über meine ehemaligen Geliebten hören, wenn ich ihre Liebeskünste abwertete und Nadines dadurch aufwertete. Sie hatte eine herausragende Hochbegabung in puncto Sex und Sinnlichkeit, aber Graciela konnte ihr das Wasser reichen, wobei ich nicht wusste, wie lange die Leiden-schaft zwischen uns angehalten hätte. Zudem war sie beim Sex weniger animalisch.

Bei Nadine hatte ich häufig das Gefühl gehabt, sie würde mich reißen, mich zerfleischen und mich wie ein erbeute-tes Tier verschlingen. Ich war die wehrlos ausgelieferte Gazelle, die den Todesbiss ins Genick der wild gewor-denen, ausgehungerten Löwin einerseits fürchtete, andererseits herbeisehnte. Hätte die Löwin die Gazelle tatsächlich einmal erlegt, hätte sie sich dauerhaft an ihr festgebissen und wäre mit dem Nacken der toten Gazelle zwischen den Zähnen verendet.

So weit kam es nicht. Stattdessen zerbissen wir uns gegenseitig am Hals, am Nacken, an den Schultern und den Oberarmen und bissen uns in unseren endlosen Auseinandersetzungen aneinanderfest, in unseren Aus-einandersetzungen über die Möglichkeit bzw. Unmög-lichkeit, unsere glühende Affäre in eine feste Beziehung zu verwandeln.

War es ein Fehler gewesen, mehr von Nadine zu erwarten als jenes immer wieder heftige Übereinanderherfallen, das reine Gegenwart war und von meinem Wunsch nach Verbindlichkeit in den Abgrund gerissen wurde?

„Unsere Liebe steht auf der Kippe“, hatte sie einmal von sich gegeben, als wir aufgrund von langen, lautstarken Zankereien – ich hatte zufällig herausgefunden, dass sie trotz gegenteiliger Beteuerungen mal wieder bei ihrer Ex-Partnerin genächtigt hatte –bis morgens um fünf Uhr Ketten rauchend auf meinem Sofa gesessen hatten.

Es gab – abgesehen von den Verschmelzungen unserer nackten Körper – wenig, was uns dauerhaft verband, wenig, was als Fundament für eine langjährige Partner-schaft hätte dienen können. Derartiges wollte ich auf keinen Fall mit einer anderen Frau wiederholen. Aber die Leidenschaft vermisste ich trotzdem. Abgrundtief.

 

All das zog an mir vorbei, als ich hoffte, ein kleines Lebenszeichen von Stephanie zu lesen und zumindest die Aussicht zu haben, in nicht allzu weiter zeitlicher Ferne ihre Zunge in meinem Mund zu spüren und ihre Hände auf meiner Haut. Ich wusste in keiner Weise, was mich mit ihr erwarten würde oder was ich von ihr erwarten dürfte. Ich wusste nur, dass ich darauf wartete, dass sie mir schrieb, wann sie mich wiedersehen wollte. Inzwischen war das Häkchen hinter meiner Nachricht blau. Das machte es noch schlimmer. Sie hatte meine Botschaft empfangen und schrieb mir nicht zurück. „Ich bin noch im Stress. Bis später.“ plus Emoji mit Kussmund und Herzchen hätte mich beruhigt, hätte es mir möglich gemacht, mich mit dem irrsinnigen Taubenregiment des geschassten Managers zu beschäftigen, d.h. zu versuchen, diese pseudolustige Kurzgeschichte in ein passendes Deutsch zu bringen.

Da ich mich nicht zum Arbeiten motivieren konnte und mich ermattet fühlte, legte ich mich auf meine Matratze. In Gedanken bettete ich Stephanie neben mich und spürte ihre Hand in der meinen. Ich wollte möglichst bald mit ihr einschlafen, erschöpft und schwitzend nebeneinander liegend und eng an sie gekuschelt neben ihr aufwachen.

Als ich erfolglos versucht hatte, mich selbst zum Orgasmus zu bringen, klingelte mein Smartphone.

 

„Bist du auch so durch den Wind?“, fragte Stephanie mich gleich zu Beginn und ich bekam allmählich wieder festeren Boden unten den Füßen, weil ich Hoffnung spürte, dass meine Begierde von ihr erwidert würde.