„Was fasziniert dich eigentlich beim Roulette?“, fragte sie mich plötzlich.

„Der Kick! Kennst du den gewissen Moment, kurz bevor die Kugel sich auf einer bestimmten Zahl niederlässt, auf rot oder schwarz, gerade oder ungerade, niedrig oder hoch, oder gar auf der Null? Kennst du den Moment, wenn alle am Tisch den Atem anhalten und keiner ein Wort spricht? Es ist wie der Moment kurz vor dem Orgasmus. Eine geballte Energie, gepaart mit höchster Konzentration und dem Gefühl, in einen lustvollen Abgrund gerissen zu werden.“

„Dieser Moment hat ein großes Suchtpotenzial“, meinte sie.

„Das stimmt. Ich kann gut verstehen, wie jemand roulettesüchtig werden kann.“

„Da könnte ich mir eine angenehmere Sucht vorstellen“, erwiderte sie und sah mich an.

„Welche denn?“

„Das verrate ich dir noch nicht.“

 

Dieses „noch“ machte mir Hoffnung, dass sie mich ebenfalls begehren und sich genauso verzweifelt dagegen wehren würde, wie ich mich in jenem Augenblick dagegen wehrte, sie zu begehren. Dieses „noch“ blieb erhalten, obwohl sie direkt danach kommentarlos auf die Toilette ging und am Tresen ihr Glas Wein und meine Tasse Ingwertee bezahlte. Glücklicherweise kam ich nicht in die Verlegenheit, nach ihrer Handynummer oder E-Mail-Adresse fragen zu müssen. Ich suchte in meiner Kontaktanzeige nach einer außergewöhnlichen Frau. Das war sie auf jeden Fall, zumindest auf den zweiten Blick.

 

(aus „Auf die lesbische Liebe“ von sara reichelt)